• 29. May 2024

Cillian – Kapitel 1

Lukas kritzelte auf seinem Schreibblock herum, seine Gedanken waren wie so oft weit entfernt. Er hasste die Schule, mit jedem neuen Jahr wurde es unangenehmer. Die Grundschule war in Ordnung, wenn er ehrlich mit sich selbst war, die fünfte und sechste Klasse ebenso. Er hörte, wie die Tür aufging und jemand hereinkam.
»Aufgepasst«, setzte Herr Lemann an, ihr Mathematik- und Klassenlehrer.
Er sah nicht auf, sondern kritzelte stur weiter.
»Auch Du, Lukas.« Die Worte waren freundlich.
Mit einem Seufzen schaute er nach vorne an das Pult.
Seine Augen weiteten sich, direkt neben Herrn Lemann stand ein Junge. Er war größer, was eine völlige Untertreibung war, außerdem deutlich kräftiger als der Lehrer.
»Darf ich vorstellen, das ist, hoffentlich spreche ich es richtig aus: Cillian.«
Er hatte feuerrote Haare, die ihm, in wuscheligen Locken, ins Gesicht hingen.
»Er ist aus Irland hier hergezogen und ist ab heute in unserer Klasse.«
Seine Gesichtszüge waren weiche, trotz dieser imposanten Statur. Er sah sich um, dabei blitzten seine hellblauen Augen immer wieder hervor.
»Cillian, erzähl doch mal ein wenig von Dir.«
Er trug einen Hoodie, aber keinen gewöhnlichen. Der Stoff war grau und grob, an allen Rändern und Nähten verlief eine rote Linie.
»Ich heiße Cillian, bin vierzehn und«, er stockte kurz, seine Wangen bekamen einen Hauch Farbe, »bin geboren in Irland in dem Dorf Shannaghmore.«
Lukas hörte die anderen Kinder aus der Klasse lachen. Aus dem Hoodie kamen normale Jeans, abgewetzt, an einigen Stellen war sie aufgerissen, er erkannte nicht, ob dies zum Design gehört oder nicht.
»Ich treibe gerne Sport, aber noch lieber lese ich.«
Sein Blick wanderte wieder nach oben zum Gesicht, dort erstarrte er augenblicklich, Cillian sah ihn an; nicht beiläufig, sondern sie schauten sich direkt in die Augen. Sie wandten sich beide verlegen ab.
»Ah, Du hast den freien Platz gesehen, setz Dich neben Lukas.«
Cillian lief schnurstracks auf ihn zu und ließ sich auf den freien Stuhl fallen. Sein Rucksack glitt zu Boden. Er drehte sich zu Lukas, dabei schaute der Neue buchstäblich auf ihn hinunter.
»Ich bin Cillian.« Er reichte ihm die Hand.
Zögerlich ergriff er diese und schüttelte sie. »Lukas.«
»Wertes Publikum!« Herr Lemann hielt sich mal wieder für witzig. »Ich würde Euch gerne Zeit zum Kennenlernen geben, aber wir schreiben am Freitag eine Mathearbeit und daher haben wir noch einiges durchzugehen.«
Mit diesen Worten fing der Unterricht an. Nach ein paar Minuten drehte sich Marco, er saß direkt in der Reihe vor den beiden, um. »Hier, in der Pause kommst Du zu uns, gib Dich nicht mit der Schwuchtel da ab.«
Marco ruckte mit dem Kopf in Lukas‘ Richtung.
»Okay.« Mehr kam von ihm nicht.
Er schrie innerlich vor Wut und Traurigkeit. Es würde nicht lange dauern, bis Cillian sich dann zu einem weiteren Arschloch in der Klassen entwickelt hätte. Noch einer, der ihn mobbt und quält. Lukas war nicht mehr in der Lage sich auf den Unterricht zu konzentrieren. In seinem Kopf steigerte er sich immer höher in ein Wirrwarr der Gemeinheiten, die ihm seit anderthalb Jahren passierten, hinein.
Es klingelte, alle flitzten hinaus, Lukas blieb wie so oft bis zum Schluss sitzen. Er bemerkte nur am Rande, dass Cillian sich in der Tür umdrehte und zu ihm schaute.
Niedergeschlagen erhob sich Lukas, schlurfte auf den Pausenhof, sein Magen knurrte. Nur selten hatte er die Zeit morgens etwas zu essen und sein Pausenbrot aß er immer in der großen Pause am Mittag. Normalerweise war das kein Problem, aber im Moment verursachte es ihm regelrecht Bauchschmerzen.
Das alles war scheinbar nicht genug: Er hob seinen Blick, dabei sah er eine Gruppe der Jungs aus seiner Klasse; ebendiese, die ihn immer ärgerten und quälten. Mittendrin war Cillian, just in diesem Moment legte er seinen Arm um Marcos Schulter und lachte laut. Lukas hielt es nicht aus, er eilte zu seinem ›Versteck‹, es war nur eine abgeschiedene Ecke des Schulhofes. Hier hingen ein paar Jugendliche herum, um zu rauchen, sie beachteten Lukas nicht.
Die Pause war vorüber und der Unterricht wurde fortgesetzt. Er arbeitete nur mäßig mit, ab und an sah er hinüber zu Cillian. Dieser hingegen war fokussiert auf den Schulstoff.
Die zweite Pause brach an, Lukas flitzte sofort zu seinem Stammplatz, um abzuwarten.
Nachdem er das Klassenzimmer wieder betreten hatte, betrachtete Cillian ihn mit einem merkwürdigen Blick. In ihm kam ein Schuldgefühl auf.
»Hey«, flüsterte er.
Lukas reagierte nicht.
»Magst Du in der Mittagspause mit mir zusammen essen?«
Lukas war überrascht, sogar verwirrt. »Warum?«
Cillian grinste. »Zum einen, weil ich nicht gerne allein essen und ich Dir außerdem von dem Blödsinn erzählen will, den die mir in der Pause erzählt haben.«
»Ruhe da!«, zischte die Deutschlehrerin. Die beiden waren sofort still.
Lukas war hin- und hergerissen, es würde nicht schaden mitzugehen oder würde es sich als Vorwand herausstellen, um ihn fertigzumachen? Die Stunde neigte sich zum Ende und er war weiterhin unentschlossen.
»Wollen wir?« Cillian schaute ihn erwartungsvoll an.
»Okay.« Lukas war in Panik.
Beide holten eine Brotbox aus ihren Rucksäcken. Der Neue zog zusätzlich eine Flasche Wasser heraus, dann liefen sie los.
»Da drüben sieht es doch nett aus.« Cillian steuerte auf eine Bank unter einem Baum zu.
Es war ein klarer Frühlingstag, etwas frisch, aber das Wetter war auf dem richtigen Weg. Sie setzten sich. Lukas packte sein Brot aus und biss hinein. Cillian folgte seinem Beispiel.
»Die anderen ärgern Dich«, setzte der Große an.
Lukas war sich nicht sicher, ob es eine Frage oder eine Feststellung war. Er nickte daher.
»Marco ist ein Arsch, er hat nicht nett über Dich gesprochen.«
»Glaubst Du ihm?« Lukas hielt inne, er wartete auf die Antwort.
Cillian überlegte kurz. »Na ja, es ist doch egal, ob Du schwul bist oder nicht. Selbst wenn es stimmt, ist das nichts, für das sich jemand schämen muss und erst recht kein Grund, deswegen ihn anders zu behandeln.«
Lukas packte seinen Mut zusammen. »Es stimmt.«
»Okay.«
Sie aßen weiter.
»Was hat Marco denn gesagt?«
Cillian winkte ab. »Lass, war nur Unsinn.«
»Ich würde es schon gerne wissen.«
Er schaute Lukas durchdringend an. »Wie Du meinst. Du wärst eklig, würdest die Jungs an schwulen und lauter weiteren Unsinn.«
Er schraubte seine Flasche auf, trank einen Schluck, dann bot er sie Lukas an. Dieser lehnte ab.
»Ich dachte, ihr versteht Euch blendend.«
»Wie kommst Du den darauf?« Cillian sah ihn stirnrunzelnd an.
»Du hast ihn umarmt.«
Er lachte und verschluckte sich fast an einem Stück Brot. »Umarmen würde ich das nicht nennen. Ich wollte nur, dass er mir genau zuhört.«
Lukas schaute ihn fragend an.
»Ich habe ihm recht deutlich gesagt, was ich von dem Mist halte. Und dass er, wenn er so etwas in meiner Gegenwart wieder sagt, in der Zukunft nur noch Suppe essen könnte.«
Bei der Vorstellung schmunzelte Lukas. »Danke.«
Cillian bot ihm erneut das Wasser an, diesmal nahm er es.

Es war kurz nach Mitternacht und Cillian schlenderte durch den Wald. Vor ihm lag eine Lichtung, in deren Mitte ein Baumstumpf, der aus dem Boden ragte. Um den Stumpf herum tanzten einige Leuchtkäfer. Er ging auf die ihm dargebotene Sitzgelegenheit zu und ließ sich nieder.
»Schön hier.«
»Das stimmt«, erwiderte Cillian und schloss seine Augen.
»Schön ist auch, dass Du wach bist.«
Er brummte zustimmend.
»Ich muss schon sagen, dass ich Dich vermisst habe.« Die Stimme war weich und warm.
Cillian grinste breit. »Das hofft jeder von seiner Mutter.«
Wärme durchdrang seine Schulter, ihre Hand hatte sich auf diese gelegt.
»Du weißt, dass Du anders bist. Trotz meiner großen Zahl an Kindern, bist Du einmalig.«
Er antwortete nicht mehr darauf.

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